JG11 BBS: Eugen Drewermann: eine tiefenpsychologische Auslegung von Markus 7, 24-30

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Markus 7, 24-30

24 Und er stand auf und ging von dort in das Gebiet von Tyrus. Und er ging in ein Haus und wollte es niemanden wissen lassen und konnte doch nicht verborgen bleiben,

25 sondern alsbald hörte eine Frau von ihm, deren Töchterlein einen unreinen Geist hatte. Und sie kam und fiel nieder zu seinen Füßen

26 – die Frau war aber eine Griechin aus Syrophönizien (also eine Ausländerin) – und bat ihn, dass er den bösen Geist von ihrer Tochter austreibe.

27 Jesus aber sprach zu ihr: Lass zuvor die Kinder (gemeint sind die Juden, das Volk Jesu) satt werden; es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde.

28 Sie antwortete aber und sprach zu ihm: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder.

29 Und er sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen geh hin, der böse Geist ist von deiner Tochter ausgefahren.

30 Und sie ging hin in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bett liegen, und der böse Geist war ausgefahren.

Der Theologe und Tiefenpsychologe Eugen Drewermann hat einen ganz ungewöhnlichen Zugang zuneutestamentlichen Wundergeschichten gefunden.

Er geht dabei von dem Grundsatz aus: „Man muss biblische (Wunder-)geschichten so lesen, als ob man sie letzte Nacht geträumt hätte.“

Davon ausgehend kommt er zu folgender Deutung:

  • Durch das Gespräch mit Jesus wurde nicht nur die Tochter geheilt, sondern letztendlich auch die Mutter selbst
  • Das große Verantwortungsgefühl für ihre Tochter hat beide krank gemacht; sie wurde von der übergroßen Sorge ihrer Mutter um sie quasi „erdrückt“
  • Der Mutter ging es dadurch genau so – sie war krank vor lauter Sorge und übertrug ihr Selbstbefinden ständig auf ihr Kind
  • So waren letztendlich beide unglücklich
  • Jesus zeigt ihr mit seiner ersten Antwort (V.27), dass er selbst Grenzen in seiner Verantwortung für andere sieht, also das Recht hat, sich einzuschränken:
  • Er ist nicht für ALLES und ALLE verantwortlich
  • Da erkennt die Frau, dass sie ebenfalls ihr bisheriges Denken aufgeben muss: auch sie ist nicht in ALLEM für ihre Tochter verantwortlich. Jeder und jede hat seine persönliche Freiheit
  • Diese Erkenntnis bestätigt Jesus mit seiner Antwort V.29. Sie meint: „Deine Tochter ist gesund!“
  • Indem die Mutter ihrer Tochter nun endlich die Freiheit gibt, die BEIDE für ein gesundes Miteinander brauchen, werden letztendlich beide geheilt.