Jg13BBS-Erklärung Bild Weltgericht

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Rogier van der Weyden, Das Weltgericht

Rogier van der Weyden (1399/1400-1464) war Schüler von Robert Campin (S. 115) in Tournai. Großen Einfluss auf ihn dürfte auch Jan von Eyck ausgeübt haben. 1450 hielt sich Rogier van der Weyden in Rom auf. Hier ent­steht die Beweinung Christi. Nach seiner Rückkehr aus Italien erhält Rogier van der Weyden von Nicholas Rolin, dem Kanzler Herzog Philipps des Guten von Burgund, den Auftrag, für das Hospital in Bon mit dem Namen Hotel Dieu einen großen Altar mit dem Jüngsten Gericht zu gestalten (2,15 m x 5,50 m).

Im Mittelpunkt des Bildes steht der Erzengel Michael als Seelenwäger; über ihm Christus als Weltenrichter, der auf einem Regenbogen thront (Offb 4,3) und dessen Füße auf der Weltenkugel ruhen. Links befindet sich im blauen Gewand Maria, rechts daneben Johannes der Täufer. Sie sind als Betende bzw. Fürbitten­de dargestellt und bilden zusammen mit dem Christus, dem Weltenherrscher, den Engeln und den Aposteln die große »Deesis«.

Dahinter und daneben befinden sich auf weiteren Tafeln die Apostel auf gleicher Höhe. Links außen wird die Himmelspforte, rechts außen die Hölle dargestellt. Links werden die Seeligen in den Himmel, rechts die Verdammten in die Hölle geleitet. Michael hält wie Anubis und Horus im Ägyptischen Totenbuch mit un­beweglicher Miene die Seelenwaage. Er trägt ein weißes liturgisches Gewand und ist als bartloser junger Mann dar­gestellt. Auf jeder Schale befindet sich je eine nackte Per­son; diese beiden Personen stellen jedoch den gleichen Menschen dar. Einer symbolisiert betend die guten Taten, der andere weinend die Sünden. Die Menschen, die aus der Erde kommen, erfahren gerade die Auferstehung. Die Engel blasen die Trompeten zum Jüngsten Gericht und wecken die Toten auf. Die Engel rechts und links von Christus zeigen die Leidenswerkzeuge Christi.

Christus selbst ist als thronender Herrscher mit einem majestäti­schen Mantel dargestellt. Sein Oberkörper ist nackt und zeigt die Wundmale der Kreuzigung. Sein Kopf ist umge­ben vom Nimbus als Zeichen der Zugehörigkeit zum gött­lichen Licht. Aus seinem Mund kommt zum einen die Lilie, Symbol der Reinheit des göttlichen Lichts; sie ist Sinnbild der Gnade und der Auserwählung. Zum anderen kommt aus seinem Mund ein zweischneidiges Schwert, Sinnbild des göttlichen Richterspruches, der die Verdammten trifft (Offb 19,15). Die eine Hand ist segnend hoch erhoben, die andere weist auf das Spruchband, auf dem geschrieben steht: venite, benidicto, patris mehi posidete paratum vobis regnum (= Kommet ihr Gesegneten meines Vaters und nehmet in Besitz das Reich, das euch bestimmt ist).

Die gesamte Szene, die in der gotischen Kathedrale im Tympanon über dem Hauptportal angebracht ist, weist hin auf das Weltgericht, wie es in Offb 20,11-15 und Mt 25,31-46 beschrieben wird. Es dramatisiert die letzte per­sönliche Verantwortung jedes Einzelnen vor Christus und Gott. Es enthält Kriterien für den rechten Lebenswandel, nämlich Mt 25,35-39: Hungrige speisen, Dürstenden zu trinken geben, Fremde aufnehmen, Nackte kleiden, Kranke besuchen, Gefangene aufsuchen. Es hat aber auch bedrohliche Züge. Maria und Johanne, symbolisieren die Möglichkeit von Erbarmen und Gnade Die Wundmerkmale unterstreichen dies. Angebracht in einem Krankenhaus dürfte dieses Altarbild eher die ein­ladenden und vergebenden als die drohenden, verdam­menden Züge des Weltgerichtes herausstellen.